Die Linolätzung wird in Witzwort
auf den Punkt gebracht

7. Juli 2019

Vor Jahren haben wir, Gisela Mott-Dreizler und der Autor dieses Artikels, ein Buch über Linolätzung gefunden. Neugierig wie wir waren, machten wir uns sofort an die Arbeit - und erlebten zuerst einmal einige Pleiten; doch wir gaben nicht auf und gelangten so schließlich zu dem entscheidenden Punkt. Seitdem haben wir viele Erfahrungen gesammelt und konnten
viel in dieser Technik arbeiten. Einige Worte zum Praktischen; zunächst zum Zusammenspiel der Werkstoffe: Linoleum besteht hauptsächlich aus oxidativ polymerisiertem Leinöl, Naturharzen (Kolophonium, Copal und ersatzweise Dammar), Kork- und/oder Holzmehl, Kalksteinpulver, Titan(IV)- oxid als Weißpigment, Farbstoffen und einem Jutegewebe als Trägerschicht. Alternativ zum Leinöl wird heute auch Sojaöl verwendet, zudem können je nach Hersteller und Zeitpunkt der Herstellung auch Anteile von Kautschuk oder Kunststoffen enthalten sein.

Bei der Linolätzung besteht die Aufgabe darin, die mit Öl gebundenen Mehle zu ätzen. Die Ätze ist Natriumhydroxid. Natriumhydroxid ist auch als Rohrreiniger bekannt. Heutzutage bekommt man nur noch Rohrreiniger im Baumarkt. Eine Verdünnung 1:3 reicht in der Regel aus. Bitte zuerst das Natriumhydroxid in einen Behälter geben und erst dann mit Wasser aufgießen. Die gelöste Ätze in eine Wanne gießen, das Linolstück kann eine gute halbe Stunde in der Ätze liegen. Die Ätze greift die Oberfläche an, das heißt, die verbindenden Öle
werden weggeätzt und die verschiedenen gehärteten Pulver liegen dann als kleine Punkte frei. So entsteht der typische Charakter der Linolätzung, beim Druck ergeben sich ganz neue Möglichkeiten des Linoldrucks.

Ganz wichtig: bevor das Linol in die Ätze kommt, müssen unbedingt alle Teile, die nicht ätzen sollen, also erhaben stehen bleiben (Hochdruck), durch Abdeckung mit Lack geschützt werden. Dazu haben wir die besten Erfahrungen mit Dachdeckerteer gemacht; der ist dichter als der üblicherweise benutzte Asphaltlack. Auch die Rückseite der Linolplatte muss mit Lack abgedeckt werden. Ist das Linol fertig geätzt, gründlich mit klarem Wasser ausbürsten. Und dann mit Geduld dieses geschundene Stück Linol gut trocknen lassen. Ist es trocken, den Lack mit Gummituchwaschmittel auswaschen. (Dieses Mittel wird im Offsetdruck verwendet und fettet nicht nach.) Der Asphaltlack muss runter, sonst druckt er kurzfristig mit und gibt ein falsches Bild des Druckergebnisses wieder, das zu großer Enttäuschung führt, da es nur einige Drucke lang durchhält.

Gute Ergebnisse haben wir nur auf der Druckmaschine erzielt, weil man dann mit wenig Farbe und viel Druck arbeiten kann. Beim Handdruck gehen dagegen beim Einsatz von viel Farbe die Punkte zu. Deshalb ist dieses Verfahren auch an Schulen ohne Druckmaschinen nicht einsetzbar.

Besonders schöne Drucke werden auf glattem Papier erreicht. Sogar Kunstdruckpapier ist geeignet, aber beim Grafikdruck ist das wohl eher nicht üblich. Da stehen die Büttenpapiere an erster Stelle. Es ist sinnvoll, bei allen Arbeitsschritten, die mit Ätze erfolgen, Gummihandschuhe zu tragen. Um die für die gewollten Ergebnisse nötige Routine zu erlangen, sind viele Experimente nötig, denn nicht jedes Linol und jede Ätze reagieren gleich.

Reinhard Scheuble

(Die hier gezeigten Linolätzungen sind von Gisela Mott-Dreizler)