20 Jahre Quetsche: Wir haben keine Wahl und nehmen sie wahr. Vergnügt betrachten wir in der chaotischen Welt, wie alles immer schlimmer wird und dem Untergang geweiht ist. Die Klimakatastrophe ist in den letzten Betonköpfen angekommen. Dass von der mit religiöser Inbrunst als Heilsbringer verkündeten Globalisierung nur wenige Multis profitieren, weiß inzwischen jeder. Dauernd kracht eine der amerikanischen Investitionsbanken mit diesen putzigen Namen zusammen und brav folgen weltweit Vasallenbanken. CERN nimmt die größte Teilchenbeschleunigeranlage aller Zeiten in Betrieb und sofort erwarten Hysteriker, dass dabei schwarze Löcher entstehen, die uns alle verschlingen – das wäre sehr witzig und sähe uns ähnlich.

Angst, Krieg, Explosionen und Schwelbrände überall, aber wir lesen weiter Bücher und schauen uns schöne Bilder an. Wenigstens versuchen wir, uns unsere Ruhezonen zu erhalten. Die Schlauheit der Kleinen und ihre Kraft des Überlebens ist unwiderstehlich. Mit so was wie der »Entdeckung der Langsamkeit« fing es an. Schlagworte wie »Entschleunigung« und »Aura des Originals« führen allmählich zu Verhaltensänderungen – in einer Zeit, in der die ästhetischen Wahrnehmungsgewohnheiten nur noch nach Sekunden berechnet wurden. Schon länger suchen sich schöpferisch tätige Menschen Nischen, richten sich dort heimisch ein und machen ihr Ding. Auch die kleinen Kunstbuchverlage und –pressen tun das erfolgreich, die Quetsche seit mehr als 20 Jahren, und quetschig eng ist es nicht mehr. Reinhard Scheuble, der Verleger, hat sich im nordfriesischen Witzwort etabliert und überzeugt mit seinem Angebot hauptsächlich deshalb, weil er sehr experimentierfreudig ist und außerdem seine Bücher erst dann auf den Markt entlässt, wenn er vollkommen zufrieden mit ihnen ist. Er sorgt für die gleichbleibend hohe Qualität – zusammen mit der Künstlerin Gisela Mott-Dreizler, die die Malerei und Grafik in vielen Quetsche-Büchern geschaffen hat und immer für den nötigen kritischen Abstand sorgt.

Bisher sind 55 Drucke entstanden, davon 19 vergriffen, 2 weitere in Arbeit. Die Texte sind oft von Klassikern: Grimmelshausen, Wieland, E.T.A. Hoffmann, Tieck, Brentano, Chamisso, Fontane, Theodor Storm, Shakespeare, Puschkin, Gogol, Turgenjew, Merimée. Aber es gibt auch Grimmsche Märchen, eine Arche Noah, ein Tier-Alphabet, biblische Texte, »Über die Praxis« von Mao Tse-tung und moderne Autoren wie Siegfried Lenz, Isaak B. Singer, Franzobel, Ugo Piacentini, Li Feng-Lan, Kerstin Hensel. An Techniken werden geboten Originalmalerei, Radierungen, Klischeeätzungen, Linolschnitte, Holzstiche, Holzschnitte, Steindrucke, Lithographien, Offsetgrafiken, Siebdrucke, Linolätzungen, Tintenstrahlprints. Als Bildende Künstler und Künstlerinnen konnten neben Gisela Mott Dreizler u.a. gewonnen werden: Karl-Georg Hirsch, Harald Metzkes, Helge Leiberg, Bernhard Jäger, Monika Sieveking, Hanefi Yeter, Ulikasten, Wolfgang Nieblich, Otto Beckmann, Margaret Robertson, Manuel Knortz, Florian Haas, Klaus Süß. Sie haben nicht klassisch illustriert, sondern geradezu Neufassungen der Texte geschaffen.

Zuletzt erschienen Puschkins »Märe vom Pfaffen und Töffel, seinem Arbeitsmann« mit 8 Farbholzschnitten von Gisela Mott-Dreizler, sehr lehrreich für das aktuelle Präkariat; »Landschaften – Landschaftsbilder« mit Texten von Theodor Storm und stimmungsvollen Radierungen von Otto Beckmann; »Himmlische Heerscharen« als Gegenstück zum Engelssturz, der als 49. Druck (»Dämonen im freien Fall«) inzwischen vergriffen ist, wieder Stellen aus der biblischen Offenbarung mit farbigen Holzschnitten von Gisela Mott-Dreizler in einem Leporello, der auch als 2 Meter hohe Gesamtgrafik rezipiert werden kann sowie dem Gedichtzyklus »Auf einem Bein« von Hans Arp, auf dessen Absurditäten Bernhard Jäger mit 10 farbigen Radierungen in einer hierfür neu entwickelten Radiertechnik ohne Chemie reagiert.

Zu jedem Quetsche-Buch gibt es eine limitierte Luxusausgabe mit Sonderausstattung (z.B. in Pergament gebunden) und Extrakunstwerken. In einer Auflage von 100 Stück erscheint seit 2002 als Steifbroschur in Halbleder im Format 26x15 cm die »Grafische Reihe der Quetsche«. Die erste Folge dieser Erstveröffentlichungen mit Originalgrafiken, herausgegeben von Kerstin Hensel, ist mit 10 Bänden abgeschlossen. Herausgeber der begonnenen zweiten Folge ist Ernest Wichner. Erschienen sind Katja Lange-Müller: Roman, »Böse Schafe«, mit Radier-ungen von Steffen Volmer; Thomas Lehr: »Kreaturen« (Gedichte) mit Lithografien von Helge Leiberg und Günter Kunert: »Die wunderbaren Frauen«, mit Lithographien von Hans-Ruprecht Leiß.

Die Bücher der Quetsche mit ihrer reichen, oft ungewöhnlichen Ausstattung richten mit Recht die Aufmerksamkeit auch auf die Form des Buches. Schließlich wurde der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2008 Anselm Kiefer verliehen, dem Schöpfer der tonnenschweren Bleibücher-Skulpturen!

Klaus Bz’dziach