Theodor-Storm-Preis 2002

Der Theodor-Storm-Preis der Stadt Husum 2002 wurde an die Künstlerin Gisela Mott-Dreizler und den Drucker Reinhard Scheuble verliehen. Die beiden in Witzwort lebenden Künstler haben den Preis für ihr Projekt eines Pressendrucks von Storms Novelle „Pole Poppenspäler” erhalten. Durch das Preisgeld wurde ein grafisch aufwändiges Buch realisiert; gedruckt wird vom Klischee auf einer Handpresse in dem von Reinhard Scheuble betriebenen Verlag für Buchkunst, der „Quetsche”. Die Illustrationen werden von Gisela Mott-Dreizler ausgeführt. Die seit 1993 in Witzwort lebende Künstlerin hat bereits 16 solcher Malerbücher und Pressendrucke gestaltet.

Gisela Mott-Dreizler wurde in Riesa an der Elbe geboren; sie studierte von 1960-63 an der Kunstakademie Karlsruhe und von 1963-69 an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Gemeinsam mit Reinhard Scheuble hat sie bisher 16 Malerbücher und Pressodrucke realisiert. Immer sind es literarische Vorlagen: klassische Autoren wie Grimmelshausen und Wieland, Romantiker wie Brentano und Tieck und die Brüder Grimm, Realisten wie Turgenjew, Storm und Gogol, Autoren der Moderne wie Arno Holz und Hugo Ball, um nur einige zu nennen. Eine besondere Liebe zeigt die Künstlerin für Märchen, die ihr mit unbewussten Träumen verwoben scheinen. So entstehen Bildwelten, die sie mit ihren künstlerischen Mitteln erzählen möchte.

Diese Welten sind tiefgründig, voller Farbigkeit, oft ungegenständlich. Die Figuren sind oft nur angedeutet, selten ausgehührt; Texte werden in die Zeichnungen integriert; alles spricht eine rätselhafte Zaubersprache, die von den Betrachtern nicht erlernt, wohl aber gedeutet werden muss. Vieles bleibt dem Betrachter rätselhaft. Immer wieder erscheinen sagenhafte Gestalten, Engel, Teufel, Gnome; aber auch Tieren und Kindern begegnen wir. Die Frauengestalten sind oft sinnlich und strahlen eine geheimnisvolle Erotik aus. Gisela Mott-Dreizler beherrscht viele Techniken: sie gestaltet Federlithographien, Hochdruckätzungen, Holzschnitte, Kaltnadelradierungen, Klischeeätzungen, Linolschnitte, Lithographien und andere mehr, sie ist aber auf keine der aufgezählten Drucktechniken spezialisiert; gelegentlich mischt sie experimentell verschiedene Verfahren, so finden wir farbige Klischeeätzungen auf Holzschnitten, kolorierte Lithographien, übermalte Radierungen, aber auch Originalmalerei, Kollagen, Stempeltechnik und Aquarelle. Schon die Aufzählung der künstlerischen Techniken in den von ihr mitgestalteten Pressendrucke zeigt uns, dass es sich gelegentlich um Objekte handelt, die Elemente von Malerbüchern und Pressendrucken miteinander vereinen.

Reinhard Scheuble wurde 1946 in Singen geboren, er beendete 1965 seine Buchdruckerlehre in Singen und war zunächst in verschiedenen Städten und Firmen tätig. Von 1980 bis 1989 leitete er die Druckwerkstätten des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin (BKK). Im Jahre 1985 gründete er seine eigene Presse, die „Quetsche”. Von 1981 bis 1995 arbeitete er als Meisterdrucker an der Städelschule in Frankfurt/M. Seit 1995 ist als selbständiger Buchkünstler in Witzwort tätig, wo er mit einer Handpresse arbeitet. 1995 erhielt er den Brandis Preis der Stadt Delitzsch für die „Courasche”, 1996 Hebbel Preis der Stadt Wesselburen für sein buchkünstlerische Schaffen. Ihm wurde die Ehrenurkunde des Tiemann-Wettbewerbs (Leipzig) für das Buch Mao Tse-tung „Uber die Praxis” verliehen. Schließlich erhielt er im Jahre 2001 eine Auszeichnung für das Buch: Theodor Fontane „Landpartien”.

In den letzten 17 Jahren sind über 40 Pressendrucke erschienen, alles Arbeiten, in denen der Verleger Reindard Scheuble versucht, die in immer weniger überschaubare Einzelaspekte zerfallende Welt wenigstens im Buch zusammenzuhalten. Das ist gerade das Spannende an der Arbeit des Druckers Reinhard Scheuble, dass er die Vielfalt der unterschiedlichen Materialien und Techniken seiner künstlerischen Handwerksarbeit immer wieder zu einer Einheit zusammenzufügen vermag. Dies gelingt ihm in der Kombination von entsprechend gestalteten Texten mit Grafik und Malerei, für die er die Zusammenarbeit mit Künstlern braucht. Das ist vor allem seine Lebensgefährtin Gisela Mott-Dreizler, aber das sind auch andere Künstler: unter ihnen Otto Beckmann, Falko Behrendt, Karl-Georg Hirsch, Hans-Ruprecht Leiß, Bernhard Jäger.

Dr. Gerd Eversberg, Husum 2002